GH-Bericht Nr. 9
(Gastbericht)

Hamburger SV - Bayer 04 Leverkusen

1-3
Zuschauer: 49000

Es war ein stürmisches, kaltes Herbstwochenende. Während in England dramatische Derbys auf einem Samstag um 12.30 Uhr ausgetragen werden, in diesem Falle Manchester City gegen ManU, werden hierzulande solche Spiele auf einen Montag terminiert. Wer will schon Montag ins Stadion gehen? Das Wochenende ist für Fußball da, nicht der erste Arbeitstag der Woche. Schuld ist, wie des öfteren, das liebe Fernsehen. Unsere "Freunde" vom DSF zwingen uns ja in den nächsten vier Zweitligapartien dreimal montags ins Stadion. Das kostet aufgrund der Live-Übertragung nicht nur viele Zuschauer, es nimmt einem auch die Vorfreude auf das Wochenende. Denn das ist ja nun Fußball-frei. Diese Lücke mußte nun geschlossen werden. Da der Autor dieser Internet-Seite keine konkreten Vorschläge bringen konnte (oder wollte?), zog man eben auf eigene Faust los. Der Kick des Wochenendes hieß Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen.
Kurz vor halb sechs ging es los, via Auto Richtung Hansestadt. Das Spiel wurde kurzfristig von 15.30 Uhr auf 20.15 Uhr verlegt. Warum das so kam, brauche ich ja nicht zu erwähnen. Das Fernsehen. Nun machte ich mir während der Fahrt so meine Gedanken, was wohl der Unterschied zwischen Eliteliga und Zweitliga-Tristesse sein mag. Den Ersten bemerkte ich so etwa zwei Kilometer vor dem Elbtunnel. Stau! Das sollte sich auch bis zum Parkplatz nicht mehr ändern. So brauchte man für die letzten Kilometer gut eine Stunde. Sollte dies in Hamburg jedes zweite Wochenende (Europacup gar nicht mit eingerechnet) so aussehen, dann gute Nacht. Schnell das Auto abgestellt und durch endlose Wälder und über zig Stolperfallen zum Stadion. Aus dem Nichts tauchte vor einem das neue Volksparkstadion auf. In voller Beleuchtung auf jeden Fall ein einmaliger Anblick. Das war der nächste Unterschied. Die Ordner am Eingang waren sehr freundlich und wünschten einem nach eher flüchtiger Kontrolle viel Spaß. Habe ich in Liga 2 auch eher selten gehabt, denkt man da eher an die Ordner der Stuttgarter Kickers, wo man vor Einlaß sogar das Kleingeldfach des Portemonnaies öffnen mußte und man bei einem Spruch zu hören bekam: "Halt die Fresse oder du bleibst gleich ganz draußen, du Pisser!" Da unser Sitzplatz am anderen Ende der Arena war gingen wir um die Westtribüne herum und mir wurde schlagartig der nächste Unterschied klar. Ging man selbst auf eher schlammigem Gelände Richtung Sitzplatz, so sah man hinter der großzügigen Glasfassade noble Restaurants, V.I.P.-Loungen (oder Lounges?) , Barkeeper, Hostessen und Türsteher. Von den "very important persons" erkannte ich Rudi Völler im Plausch mit Otto Rehhagel nebst Gattin Beate. In diesem pompösen Bereich liefen einige Schlipsträger rum, die alle wohl sehr wichtig waren. Man vergaß, warum man eigentlich hier war. Es hatte mehr den Anschein als sei man in einer Vorhalle eines Casinos in Las Vegas. Warum war man noch mal hier? Endlich stand man dann vor dem Eingang zum Block, in dem man das Spiel sehen sollte. Also hinein in den Vergnügungspark HSV. Der nächste Anblick verschlägt einem erst einmal den Atem. Alles bisher in Sachen Fußballstadion gesehene mußte schlicht vergessen werden. Diese Schüssel ist geil! Nettes Dach, schicke Videoleinwand, steile Ränge mit gutem Blick und in unmittelbarer Nähe von jedem Sitzplatz war ein Getränkestand, eine Fressbude und ein Brezelverkäufer. Jeder Wunsch wurde einem von den Lippen abgelesen. Ein Steward zeigte den Platz. Unten, auf einer hydraulischen Bühne vor dem HSV-Stehplatzblock, schmetterte DJ Ötzi gerade in Halb-Playback ein paar Lieder (eigentlich nur eins und zwar "Hey Baby"). Zwischendurch wurden irgendwelche Mannschaftsaufstellungen durchgesagt. Die Führungsetage hatte sich für den heutigen Event etwas besonderes ausgedacht. 22 Gladiatoren sollten sich auf einem Rasenrechteck, auf dem, seinem Zustand nach, wochentags wohl Motocrossrennen oder Stock-car-racing statt findet, mit einem Lederball bekriegen.
Das HSV-Intro bestand aus einem lautem "Forever HSV" vom Band und einigen Toilettenrollen, die Richtung Unterrang geschleudert wurden. Dazu roch es stark nach Rauch, nur zu sehen war er nicht. Die etwa 800 mitgereisten Leverkusener präsentieren eifrig einige Doppelhalter. Kaum saß man auf seinem Plastiksitz, da stand man schon wieder. Die Hamburger Zuschauer erzürnten sich heftigst. Was war geschehen? Bayer hatte Anstoß und gab den Ball auch nicht wieder her, bis der deutsche Brasilianer (wahrscheinlich der einizige, der sich mit Recht so nennen darf) Rink den Ball nach 53 Sekunden ins Tor beförderte. Jubel unter den Lev-Supportern. Danach gab es einige Unfreundlichkeiten seitens der Nordlichter gegen Bayer-Keeper Matysek. Die waren aber auch vergessen als dieser den Ball, nach einem Präger-Kopfball, aus dem Netz fischte. In die Druckphase des Hamburger SV hinein präsentierte sich Torhüter und regelmäßiger Elfmeterheld Jörg Butt schon mal im Bayer-Dress. Sein Dribbling im eigenen 16er sah gut aus, der darauf folgende Querpass zu Rink ebenfalls. Nur dem Torjubel der Rheinländer schloß man sich nicht an. Man kickt dort ja erst nächste Saison. Halbzeit. Was gab es in Sachen Stimmung? Ein paar "Harr-Ess-Vau"-Rufe, zwei mal "Steht auf für den HSV" und ein paar andere bekannte Gesänge. Ein Hexenkessel sieht auf jeden Fall anders aus. Die Rheinländer konnten sich gegen die Kulisse von immerhin 48.200 Hamburgern noch nicht durchsetzen. In der zweiten Halbzeit war bei den Hansestädtern kein Aufbäumen zu spüren. Butt rettete in Minute 68 glänzend, mußte jedoch fünf Minuten später, nach sehenswertem Bayer-Konter, doch hinter sich greifen. Leverkusen hätte sogar noch erhöhen können, doch schaukelten sie das Ding in einer nie gefährdeten Partie sicher nach Hause. Die Hamburger verließen seit der der 75. Minute stetig den Ort des Geschehens. Den eigenen Torhüter fertig zu machen muß seit dem "Fall Curko" in Bielefeld auch in Mode sein. Stimmung machten in den zweiten 45 Minuten nur die Rheinländer, und zwar nicht schlecht. Beim HSV fiel nur vereinzelte Kritik an eigenen Spielern auf. In puncto Stimmung ist mir, zur 2. Liga, kein Unterschied aufgefallen. Auch spielerisch nicht. Wenn dieser Kick ein Topspiel im deutschen Fußball sein soll, dann wäre es besser, ab sofort die Damenmannnschaft unsere Quali-Spiele bestreiten zu lassen. Zum Glück kommen ja nicht alle Nationalspieler aus Hamburg oder Leverkusen. Auf der Rückfahrt versuchte ich mein Fazit zu ziehen. Hier ist es.
Steht man auf ehrlichen Fußball ist man in der 2. Liga gut aufgehoben. Hier geht man hin und man sieht ein Fußballspiel. Die Akteure geben alles, um ihr Einkommen zu decken. Die Fans machen Stimmung ohne viel tra-ra herum. Steht man auf Vollzeit-Unterhaltung, geht man zur Eliteliga. Hier kriegt man ein straffes Programm und nebenbei gibt es auch Sport zu bewundern. Den Spielern geht das Ergebnis fast am Arsch vorbei, sie bekommen schließlich sowieso ihr dickes Geld, und es scheint auch nebensächlich. Man hatte seine Show gesehen. Fragt sich nur, wann es in hiesigen Landen so zugeht wie in Japan. Dort kann man Achterbahn fahren und ähnliches, während sich ein paar Nasen bemühen Baseball zu spielen. Ein Lob an die Leverkusener Fans, die ihre Sache gut gemacht haben. Die Hamburger müssen ihre Fähigkeiten eben auf Auswärtsspielen präsentieren. Das Stadion bietet zwar den optimalen Ort dafür, der Event drumherum läßt dies allerdings nicht zu. Um die Stadionfrage in Hannover gleich mit zu klären: Reines Fußballstadion ja, Kommerztempel à la Hamburg nein. Ich würde eine Lösung wie in Bochum oder in (Asche auf mein Haupt!) Mannheim bevorzugen. Aber wer weiß, wie der Fußball in Hannover präsentiert wird, wenn wir 2001 in Deutschlands höchster Spielklasse zurück sind?

Hamburger SV

Hamburger SV

Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen